Samstag, 6. September 2008

Lost In This World

Willy Vlautin, Sänger und Songschreiber der Band Richmond Fontaine aus Portland, hat ein Buch geschrieben. Es ist sein erstes. Motel Life handelt von Schuld, Flucht, der Jagd nach Hoffnung und der Abwesenheit derselben - und vor allem - von Schnee. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die sich nach dem frühen Tod der Mutter mit Gelegenheitsjobs durchschlagen bis ein tragisches Ereignis die Schicksale der beiden untrennbar miteinander verknüpft. Der Vater, ein Spieler, ist schon lange verschwunden. Unentwegt schneit es in Reno, die Strassen sind vereist und frostige Luft schleicht aus den papiernen Eingeweiden des Buches.

Jerry Lee, der ältere, hat in betrunkenem Zustand mit seinem Dodge Fury einen kleinen Jungen überfahren, der ihm zu nachtschlafener Zeit auf einer Kreuzung die Vorfahrt genommen hat. Auf einem kleinen Fahrrad. Draussen tobt ein Schneesturm. Zur selben Zeit liegt Frank in seinem Motelbett, auch er sturzbetrunken. Mit einem lauten Krach zerbirst die Fensterscheibe seines Zimmers. Eine Ente durchschlägt das Glas und bleibt tot auf dem Boden liegen. Schon in den ersten Sätzen des Buches wird klar, dass die Ente mit ihrem gebrochenen Hals eine Metapher ist.

Der verkaterte Frank macht sich auf, seinem Bruder zu helfen und am frühen Morgen finden sie den Körper des kleinen Jungen im Schnee. Dieser ist tot. Sie packen ihn auf den Rücksitz und legen den Leichnam in der Nähe des Krankenhauses ab. Es ist die pure Verzweiflung. Immer wieder bekommt Jerry Lee Weinkrämpfe. Die Schuld lastet tonnenschwer und lässt sein sowieso schon verpfuschtes Leben sinnlos erscheinen. Was hatte der Junge da draussen in den ersten Morgenstunden mit seinem Fahrrad zu tun? In einem Schneesturm! Die Brüder spinnen Theorien um sich zu entlasten. Frank, der jüngere, versucht seinen Bruder zu beschwichtigen. Es war ein unglücklicher Unfall. Ein Zufall, der nicht vorauszusehen war.

Von da an beginnt die Flucht vor den Behörden. Sie wollen in die Berge von Montana - zwei Gestrandete, nach denen in Wirklichkeit nie jemals jemand gesucht hat. Auf der Jagd nach dem Sinn, der einem das Weiterleben ermöglichen soll. Im Gepäck massig Alkohol - und die Songs von Willie Nelson, die Reminszenz an ein früheres Leben, als Musik noch das Transportmittel der Lebensträume gewesen ist, als die Mutter noch lebte. Vielleicht Erinnerungen an den Vater, der auch nur hoffte, am Spieltisch oder am Einarmigen Banditen sein Glück zu machen, um endlich das Spielen sein lassen - die Leere füllen zu können. Die unerfüllte Hoffnung aller Spielsüchtigen. In diesem Buch gleicht die Hoffnung einem Luftstrom, der sich dorthin bewegt, wo sich ein neues Fenster öffnet.

Zum Referenzsystem von Willy Vlautin gehören Authoren wie Thom Jones, Charles Bukowski und Raymond Carver, aber auch Buffalo Springfield, The Byrds, The Flying Burrito Brothers und mit Sicherheit auch Bruce Springsteen's Nebraska. Dessen Highway Patrolman erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder. "Yea we're laughin' and drinkin' nothin' feels better than blood on blood". Es sind diese Geschichten von kleinen Leuten, einfachem Leben, der Strasse, vom Unterwegssein, die einen Kosmos bilden, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Man hat den Eindruck, die Charaktere in Vlautins Buch sind allesamt Menschen, die ihm über den Weg gelaufen sind, die er kennt, oder die er selber ist. Auch er ist wie Franky und Jerry Lee gemeinsam mit einem Bruder bei der Mutter in Reno aufgewachsen.

"...maybe it's my skin, it's tooooooo thin" singt Willy Vlautin in Lost In This World, dem letzten Track auf Thirteen Cities (2007). Und kurz darauf "I'm fucked up again, I barely know, where I am". Das gesamte Album scheint mit dem Buch verschmolzen. Der Song $87 and a Guilty Conscience That Gets Worse The Longer I Go erzählt von einem tödlichen Unfall mit anschliessender Unfallflucht.

Auf die Frage nach dem Namen der Band erzählt Vlautin folgende Geschichte: "Dave Harding, unser Bass-Spieler, war unten in Baja, Mexiko und er traf diesen Kerl aus Wyoming, ... einen Kerl, der eine große Menge Kokain gefunden und sie draussen in der Wüste versteckt hatte. Er und Dave wurden Freunde, sein Name war Richmond Fontaine. Dann ging Dave in einer Nacht hinaus zu der Stelle, aber der Mann war verschwunden. Der ganze Stoff war noch dort, aber Richmond Fontaine war wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen."

Diese Geschichte könnte direkt aus dem Film No Country For Old Men stammen, den die Coen-Brüder im letzten Jahr veröffentlicht haben. Sie könnte aber ebenso in Motel Life vorkommen. Es ist, als ob einer einfach erzählt, was er selbst erfahren und erlebt hat. Nüchtern und ungeschminkt klingen diese Geschichten auf einmal wie moderne Märchen. Fast schon wie neutestamentarische Gleichnisse. Die Songs, die Vlautin schreibt, sind hierbei nichts anderes, sondern fügen sich ein. Auch sie sind echte Geschichten, oder vielleicht auch Lieder über die ein und selbe Geschichte.

In einem deutschen Magazin wurde die Musik von Richmond Fontaine als 'Americana' bezeichnet. Abgesehen davon, dass das eine einfältige und geradezu dämliche Definition ist und unter diesen Umständen selbst die Musik der grandiosen Hamburger Gruppe Tomte unter diesen Genrebegriff fallen müsste, gibt es 'Americana' wahrscheinlich gar nicht wirklich und entspringt wohl eher der Sucht der Musikindustrie nach immer neuen Musikbezeichnungen und -beschreibungen um ihrem Absatzmarkt neues Leben einzuhauchen. Was Richmond Fontaine tun ist schlichter Folkrock mit Anleihen aus der Countrymusik.

Und dabei ist ihnen mit Thirteen Cities ein fabelhaftes Album gelungen, dass noch in 30 Jahren nichts von seiner Frische einbüssen wird. An den Aufnahmen, die in Tucson/Arizona aufgenommen und von J.D. Foster produziert worden sind, beteiligen sich unter anderem Joey Burns von Calexico und Howe Gelb. Manchmal hört man die zögerlichen Töne eines Klaviers, von einer Mundharmonika begleitet. Hier und da eine Steel Guitar, die einem sanft ins Fleisch schneidet und doch den Gitarren den Vortritt lässt. Willy Vlautins Stimme. Der singt "... I'm just lost in this world, ... lost in this world ..."
Die Melancholie und der Hunger sind authentisch. Diese Musik atmet. Und weil sie atmet, lebt sie. Und weil sie lebt wird sie mit uns gemeinsam alt werden.

© M. Moravek